Wie eine der bislang umfangreichsten Datensammlungen aus dem Inneren der Terrororganisation „Islamischer Staat” (IS) zeigt, dürften sich weiterhin hunderte mutmaßliche Terroristen unerkannt in Europa aufhalten, auch in Deutschland und Österreich.
von Richard Schmitt
Die US-Behörden haben riesige Mengen interner Dokumente mit Informationen mehr als 50.000 IS-Terroristen an deutsche Sicherheitsbehörden übergeben. Bei den nun laufenden Ermittlungen hat das Bundeskriminalamt (BKA) inzwischen Zugriff auf mehrere Hundert Datensätze aus ehemaligen IS-Gebieten in Syrien und im Irak, berichtet das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“.
Insgesamt handelt es sich um mehr als zwei Millionen Einträge: Besonders brisant ist eine sogenannte „Hauptgehaltsliste“ mit 50.000 Namen mutmaßlicher IS-Mitglieder. Diese enthält detaillierte persönliche Informationen wie Klarnamen, Geburtsdaten und individuelle Identifikationsnummern – ein Datenschatz, der für Ermittler von sehr großem Wert ist.
Doch die Dokumente gehen weit über einfache Namenslisten hinaus, sie liefern auch tiefe Einblicke in die Organisationsstruktur des IS: von Soldzahlungen über Waffenverteilungen bis hin zu erschütternden Aufzeichnungen über den Umgang mit Versklavten. Für Strafverfolger eröffnen diese Informationen neue Möglichkeiten, konkrete Beteiligungen an Kriegsverbrechen und terroristischen Aktivitäten nachzuweisen. Irakischer IS-Terrorist in Leipzig verhaftet
Erste Folgen dieser Auswertungen sind bereits sichtbar: In Deutschland kam es laut Sicherheitskreisen in mehreren Fällen zu Verurteilungen auf Grundlage der Daten. Dutzende weitere Verfahren wurden eingeleitet oder sind noch anhängig. Ein besonders aufsehenerregender Fall ereignete sich zuletzt in Leipzig, wo ein irakischer Staatsbürger festgenommen wurde. Ermittler konnten ihn mithilfe der Listen eindeutig einer IS-Kampfeinheit zuordnen.
Auch auf europäischer Ebene zeigt die nun mögliche erweiterte Datenanalyse Wirkung: Auf Initiative Deutschlands wurden etwa 20.000 Namen in das Schengener Informationssystem (SIS) eingespeist. Damit können Grenzbehörden in 30 Ländern prüfen, ob es sich bei einreisenden Personen um bekannte oder mutmaßliche Extremisten handelt. Sicherheitsexperten sehen darin einen entscheidenden Schritt zur besseren Kontrolle von Bewegungen innerhalb des Schengen-Raums.
Gleichzeitig werfen die Zahlen ein beunruhigendes Licht auf die aktuelle Sicherheitslage. In Deutschland gehen Behörden derzeit von der Anwesenheit von 500 sogenannten „islamistischen Gefährdern“ aus – also von Personen, denen schwere politisch motivierte Straftaten zugetraut werden. In Österreich liegt die Zahl laut eines Informanten aus dem Innenministerium in Wien bei 300. Diese Islamisten stehen angeblich unter Beobachtung. Doch die Dunkelziffer könnte deutlich höher sein, insbesondere wenn Rückkehrer aus ehemaligen IS-Gebieten unerkannt geblieben sind.
Internationale Sicherheitsanalysten betonen, dass der Zerfall des IS keineswegs das Ende der Bedrohung bedeutet. Vielmehr habe sich die Gefahr verlagert: von klar strukturierten Kampfgebieten hin zu dezentralen Netzwerken und Einzeltätern in Europa.
Bei der Auswertung der IS-Dokumente müssen die Ermittler nun Millionen von Datensätzen systematisch analysieren und mit bestehenden Informationen abgleichen. Jeder identifizierte Name könnte entscheidend sein – entweder zur Prävention eines Anschlags oder zur Aufklärung schwerster Verbrechen.

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